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.achtundfünzig.

Langsam steigt ein kleiner Tropfen von dem Blatt auf. Das Papier wird trocken. Der Tropfen fliegt langsam durch die Luft. Er schwebt. Berührt die Haut. Läuft die Wange hoch, hinein zurück ins Auge.

Sie darf nicht sein. Kann nicht sein. Die Träne ist nicht möglich in dieser Realität.

Der Schmerz sticht. Ins Herz. In den Magen. In den Kopf.

Das kaputte, zerstörte Etwas will sich wehren, sich retten vor dem Schmerz. Es braucht Hilfe. Doch wie soll jemand diesen Schmerz und dieses verletzte, kleine Etwas bemerken?

Das Etwas sammelt all seine verbliebene Kraft und schickt eine kleine Hilfebotschaft hinaus. Damit der Schmerz sie nicht zerstört, verpackt es die Nachricht in einer kleinen Träne.

Die Träne macht sich auf den Weg. Vorbei an dem unendlichen grauen Nebelschleier der Traurigkeit, über den bodenlosen, alles Licht und jede Hoffnung  verschluckenden Abgrund der Einsamkeit, nah an den spitzen Stacheln der Angst und den scharfen Dornen der Panik vorbei. Hindurch durch die gefährlichen klebrigen Schlingarme der Traurigkeit.  Hindurch durch den kreischenden Sturm der Verzweiflung, durch dessen Auge in dem das einzige Licht ist, doch es ist ein gefährliches, ein definitives Licht. Das Licht , das zum letzten Ausweg leitet.

Doch auch dort fliegt es hindurch. Vorbei an all den verkümmerten kleinen Wesen, den Sehnsüchten und unerfüllten Bedürfnissen.  Sie  fliegt schneller, der Sturm hat ihr mehr Kraft gegeben.

Jetzt ist sie fast da.

Doch hier geht es nicht weiter.  Sie  versucht hindurch nach draußen zugelangen.  Ihre Botschaft ist doch so wichtig. Vielleicht die letzte Hoffnung in dieser Welt hängt an ihr.

Mit aller Kraft versucht sie hindurch zu gelangen. Sie spürt wie weh es tut. Doch sie versucht es immer wieder.

Es scheint unmöglich zu sein.

Sie hört das Etwas schreien. Hört den Schmerz. Hört das Leiden.

Der Weg ist versperrt. Die Nachricht wird nie herausgelangen.

Die träne schwebt auf der Stelle, so nah an ihrem Ziel und doch so fern.

Hier wartet sie nun, bis irgendwann sich ein Weg nach draußen auftut und sie da sein darf.

Und ihren Hilfeschrei freigeben darf.

Solange irrt sie umher, wartend und hört immer wieder das Leid und den Schmerz des kleinen Etwas.