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.dreiundreißig.

Es stürmt. Der Regen peitscht ins Gesicht. Sie läuft. Immer schneller. Der Wind peitscht eine weitere Ladung Regen ins Gesicht. So hart, dass es blutet. Doch sie läuft weiter. Blutstropfen laufen ihre Wangen hinunter.

Eine Böe wirft sie aus der Bahn. Sie landet mit dem Gesicht direkt im Schlamm. Der Aufschlag ist hart. Der feuchte Matsch spritzt umher. Sie steht wieder auf und rennt. Ihr Gesicht ist dreckig, doch nicht lange. Der Regen wäscht es sauber und schlägt neue Blutstropfen aus ihrer Haut.

Der Wind wird heftiger. Sie kann sich kaum auf den Beinen halten. Doch sie rennt immer schneller. Ihre Lungenflügel zerbersten fast vor Schmerz, doch sie rennt immer weiter und immer schneller.

Der Himmel wird immer dunkler. Die Wolken sind pechschwarz.  Ihr Blick ist fest nach vorn gerichtet, sie blickt nicht zurück.

Wieder trifft sie eine Böe so hart, dass sie fällt. Diesmal ist der Aufprall härter. Es knackt und ihr Nasenbein ist gebrochen. Ihr rechter Arm ist tief aufgeschürft. Sie kann ihr Fleisch sehen, sogar ein Stück Knochen. Das Blut ist schnell abgewaschen.

Sie steht wieder auf. Ohne zu zögern. Und rennt los.

Ihr Blick weiter nach vorn. In ihren Augen liegt keine Angst, keine Verzweiflung. Es ist etwas viel tieferes. Ihre Gesichtszüge sind nicht mehr auszumachen, aufgrund des vielen Blutes und der zerfetzten Haut, die der Regen ihr zerstört hat.

Der Weg wird steiler und schmaler. Steiniger. Links von ihr öffnet sich ein Abgrund. Sie blickt nicht hinein. Rechts von ihr türmt sich eine Felswand immer höher in den Himmel auf. Sie blickt ihr nicht hinterher.

Ihr Blick ist fest nach vorn gerichtet. Auf den Weg. Sie darf nicht stolpern. Sie rennt schneller.

Der Wind wird stärker, obwohl es gar nicht möglich schien, dass er noch heftiger blasen kann. Der Regen schlägt nun mit jedem Tropfen Blut aus ihrer Haut. Doch sie rennt immer weiter, immer höher. Der Weg wird noch schmaler. Er ist gerade Fußbreit.

Der Lärm des Windes ist ohrenbetäubend. Ihre Haare wehen im Sturm. Ihr weißes Blümchenkleid ist auch zerfetzt. Besprenkelt mit roten Tropfen. Mit ihrem eigenen Blut.

Ihre nackten Füße sind aufgerissen. Aber sie rennt immer weiter.

Der Weg ist zu Ende. Die Felswand auf der rechten Seite, die unendlich hoch zu sein schien, ist verschwunden. Auch rechts ist nun ein Abgrund. Sie bleibt stehen. Vor ihr die Tiefe. Hinter ihr die Tiefe.

Der Lärm des Windes ist kaum zu ertragen. Sie hört ihn nicht. Sie spürt keinen Schmerz. Spürt nicht die Eiseskälte und den schneidenden Wind. Sie blickt nur nach vorn. Ihr Blick ist voller Sicherheit und unendlicher Traurigkeit.

Sie ist allein hier oben. Doch sie war immer allein. Wird es immer sein.

Sie ist die Letzte. Doch das war sie schon immer. Sie wusste es. Sie wusste immer, dass sie die Letzte sein würde. Die Einzige.

Für einen unvorstellbar kurzen Moment ist alles ruhig. Die Luft steht still. Kein Tropfen fällt. Nichts.

Sie hebt den rechten Fuß, setzt ihn vor den linken. Macht einen weiteren Schritt. Vor ihr der Abgrund. Sie ist umgeben von Abgrund. Sie geht weiter. Einen Fuß vor den anderen. Unter ihren Füßen ist kein Boden mehr. Der Fels liegt hinter ihr. Sie geht weiter. Und gleichzeitig fällt sie. Doch sie setzt weiter unbeirrt einen Fuß vor den anderen, als würde sie immer noch auf festem Grund wandeln. Doch sie fällt.

Die Dunkelheit verschlingt sie. Der Himmel ist schwarz. Der Himmel ist nichts. Alles ist schwarz. Nichts ist mehr.

Sie war die Letzte.

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.zweiunddreißig.

Ich blicke in die Sterne. In diese unendliche Höhe. Ich spüre, wie der Boden sich unter meinen Füßen löst. Ich schwebe. Immer höher und höher. Die Erde wird immer kleiner, bis ich sie nicht mehr sehen kann.

Doch ich fliege immer höher und höher. Immer schneller. Fliege vorbei an fremden Welten, an Sonnen, an Schwarzen Löchern, an Planeten, an Galaxien.

Doch sie sind immer noch so fern. Ich fliege weiter. Weiter nach oben. Meine Reise wird nie ein Ende haben. Das ist beruhigend.

All die Galaxien werden immer kleiner. Und ich immer schneller.

Es wird dunkel. Es wird kalt.

Wann auch immer das Ende des Universums sein mag, ich bin dort angekommen.

Ich fliege weiter. Frei von allen Zwängen. Frei vom Universum. Frei von allem.

Das einzige was existiert, bin ich.

Das einzige, was noch existieren kann, bin ich.

Ich bin endlich allein.

Endlich glücklich.

Ich bin alles.

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.einunddreißig.

Ich habe mir immer vorgestellt, dass ich von einer anderen Welt komme. Einem anderen Planeten. Warum auch sonst bin ich so anders?

Wäre ich ein Mensch, müsste ich doch andere Menschen verstehen. Müsste ihre Sprache sprechen. Würde dazugehören.

Ich verstehe sie aber nicht. Sie freuen sich über Dinge. Sie können sich begeistern. Aber nie für das wenige, für das ich mich begeistere. Sie regen sich auf. Ich nicht.

Sie haben konkrete Ziele, konkrete Ängste, konkrete Sorgen, konkrete Probleme.

Sie haben Freund*innen.

Ich bin auf dieser Welt gelandet, doch nie in ihr. Bin nie angekommen.

Ich blicke immer noch aus meiner kleinen Raumkapsel nach außen. Ich bin eine bloße Beobachterin.

Ich schaue auf dieses Leben. Ich sehe einen Film. Ich fiebere mit den Charakteren mit. Wäre auch so gerne mit in dem Geschehen. Aber ich bin bloß im Publikum. Der Saal ist leer. Ich bin die einzige Zuschauerin. Alle Menschen sind in diesem Film. Nur ich nicht. Weil ich nicht dazugehöre.

Das werde ich nie. Denn ich bin eine Außerirdische. Ich kann die Menschen wie eine Forscherin beobachten und studieren, doch ich kann sie nie verstehen, nie nachempfinden, was sie fühlen, nie mitfühlen, nie ein Teil von ihnen sein.

Wie lange muss ich noch auf diesem kalten und fremden Planet ausharren? Wie lange in diesem Leben, das nicht meins ist?

Werde ich endlich abgeholt? Zurückgebracht nach Hause? In meine Welt? Dahin, wo ich verstanden werde, wo ich dazugehöre.

Doch das Raumschiff kommt nicht. Ich warte.

Ich warte schon seit 21 Jahren 190 Tagen und 19 Stunden.

Ich warte vergeblich.

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.dreißig.

—Triggerwarnung—

Wie oft bin ich mit dem Auto auf der Autobahn gefahren und habe die Augen geschlossen?

Wie oft habe ich mir mein Drahtseil um den Hals gelegt und es zugezogen?

Wie oft bin ich am Abgrund gewandert und habe sehnsüchtig nach unten geblickt?

Wie oft bin ich an der Brücke angehalten und habe über das Geländer geblickt?

Wie oft habe ich beim Autofahren das Lenkrad losgelassen und gewartet?

Wie oft habe ich aus einem hohen Fenster geblickt und den Boden angeschaut?

Wie oft habe ich mir das Obstmesser mit einem seltsamen Blick angesehen?

Wie oft habe ich auf Häuser geblickt und mich auf das Dach gewünscht?

Wie oft habe ich ein herannahendes Auto gesehen und mir gewünscht, auf der Straße zu stehen?

Wie oft habe ich mir beim Einschlafen gewünscht, nicht mehr aufwachen zu müssen?

Wie oft stand ich an den Gleisen als der Zug einfuhr und hab mich auf den Gleisen gesehen?

Wie oft habe ich in die Sterne geblickt, und mir gewünscht für immer zu verschwinden?

.

Wie oft habe ich mir gewünscht, glücklich zu sein?

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.neunundzwanzig.

—Triggerwarnung—

Jeden Tag sehe ich meinen Ausweg. Jeden Tag denke ich daran. Jeden Tag Frage ich mich, warum ich ihn nicht wähle.

Jeden Tag nehme ich ihn und lege ihn mir um.

Warum tue ich es doch nicht?

Warum stehe ich überhaupt noch auf? Jeden Tag brauche ich Stunden, um mich aus dem Bett zu quälen. Und jeder zweite Gedanke ist an den Ausweg. Alle paar Sekunden sehe ich mich ihn wählen, und spüre das wohlige Gefühl der Befreiung.

Wenn ich es dann geschafft habe, aufzustehen, lege ich mich wieder hin. Und alles geht von vorne los.

Ich gehe nicht mehr raus. Verlasse weder Wohnung noch Bett.

Warum sollte ich so weitermachen und nicht den anderen Weg gehen?

Ich steh doch wieder auf, gehe in die Küche. Alles ist durcheinander und nicht abgewaschen. Ich gehe wieder raus ohne zu essen. Lege mich wieder hungrig hin.

Ich denke wieder an den Ausweg, der an der Tür hängt. Er ist nicht weg. Viel näher als das Dach, als die Brücke, als die Autobahn.

Ich schlafe, Wache auf, schlafe wieder ein. Ich krümme mich vor Angst. Vor Einsamkeit.

Ich will weinen. Doch es kommen keine Tränen.

Ich zittere. Ich habe Panik.

Und dann ist sie wieder weg, und ich fühle mich unendlich allein.

Ich denke daran, glücklich verliebt zu sein. Und bin traurig. Ich weiß, dass das nie eintreten wird.

Ich denke daran körperliche Nähe, Intimität, Zuneigung zu spüren. Und bin nich trauriger. Ich weiß, dass auch das nie eintreten wird.

Und wieder treiben die Gedanken zum Ausgang. Zum Türrahmen.

Ich stehe wieder auf. Esse irgendwas. Es ist egal. Es schmeckt nicht. Nichts schmeckt.

Es ist schon Abend.

Was habe ich geschafft? Nichts

Wieviel Zeit habe ich verschwendet? Ich fühle mich noch schlechter.

Ich gehe wieder ins Bett. Versuche zu schlafen, doch kann es nicht.

Ich liege stundenlang voller Angst und Traurigkeit wach.

Und wieder ist ein Tag vorbei.

Wieder habe ich einen Tag überlebt.

Ich lebe. Aber wozu?

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.achtundzwanzig.

Solange noch ein Lebewesen in Gefangenschaft lebt, gibt es keine Freiheit.

Solange noch die Mordmaschinen in den Schlachthäusern laufen, gibt es keinen Frieden.

Solange noch andere über andere bestimmen, solange es nich Hierarchien und Strukturen gibt, gibt es keine Gerechtigkeit.

Solange es noch Staat, Polizei und Armee gibt, gibt es keine Freiheit.

Solange es noch Kirchen, Götter und Relogion gibt, gibt es keinen Frieden.

Solange das eine Lebewesen mehr wert ist als das andere, gibt es keine Gerechtigkeit.

Solange Menschen Menschen töten, hassen, misshandeln, beleidigen und ausnutzen.

Solange Menschen Tiere töten , hassen, misshandeln, beleidigen und ausnutzen.

Kann es keine Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit geben.

Jede*r kann dafür sorgen, dass es das irgendwann geben wird.

             Jede*r kann aufhören zu töten und töten zu lassen.

             Jede*r kann aufhören zu gehorchen und zu befehlen.

             Jede*r kann aufhören zu unterdrücken, zu hassen, Autorität zu leben.

Wir müssen nur anfangen.

Anfangen, um den Anfang vom Ende einzuleiten.

Dem Ende der Unterdrückung, des Tötens und der Ungerechtigkeit.

Und den Beginn einer freien und gerechten Gesellschaft.

Um alles zu verändern, fang irgendwo an!
http://crimethinc.blogsport.de/

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.siebenundzwanzig.

Frei sein.

Frei sein von Herrschaft.

Frei sein von der Herrschaft der Männer.

Frei sein von der Herrschaft des Kapitals und des Profits.

Frei sein von Gewalt.

Frei sein von Hass.

Frei sein von Nazis und anderen Rechten.

Frei sein von Armut und Hunger.

Frei sein von Unterdrückung und Staat.

Frei sein von Mord und Töten.

Frei sein von Grenzen und Kategorien.

Oh, wie schön ist doch die Anarchie.