.zwanzig.

Sie war schockiert. Das, was sie sah, verschlug ihr alle Sinne. Es passierte alles wie in Zeitlupe. Die silberne, glatt polierte und geschärfte Axt flog und traf. Der Mensch, in dessen Händen der Griff lag, holte erneut aus, und dann der zweite, der dritte, der vierte Schlag. Sie spürte jeden Schlag mit unvorstellbarem Schmerz, als würde die Axt sie selbst treffen. Holz splitterte und wieder ein Schlag. Sie wollte schreien, sie wollte weg, sie wollte ihn retten, doch ihre Wurzeln hielten sie fest, wie grausame Arme.

Dann fiel er.  In seiner ganzen, mächtigen Länge fiel er. Er hatte die letzten 500 Jahre friedlich und glücklich an dieser Stelle gestanden und verweilt. Nie hatte er jemandem etwas getan, und doch wurde er jetzt von diesen grausamen Menschen umgebracht.

Wieso? Dieser Gedanke schrie in ihr voller Fassungslosigkeit und Verzweiflung. Er hatte doch nie jemandem etwas getan. Millionen großen und kleinen Lebewesen, war er über die Jahrhunderte ein liebevoller Wirt gewesen. Ja sogar Menschen hatten sich in seinem Schatten verliebt, geküsst. Deren Kinder waren auf seinen Ästen spaziert und hatten die wildesten Abenteuer erlebt. Er hatte hunderte und aberhunderte Samen verbreitet, aus denen wieder seine Kinder emporsprossen, und die er wohlwollend behütet und besorgt beobachtet hatte. Diese hatten wieder neue Sprösslinge bekommen und wieder und wieder, o war er Vater, Großvater, Urgroßvater, Ururgroßvater hunderter und tausender Kinder.

Und jetzt sollte er gestorben sein, durch diesen grausamen und  feigen Akt  menschlicher Brutalität?

Und das schlimmste für sie war, dass sie dazu verurteilt war, all das mit anzusehen, und sich nicht rühren konnte, ihn nicht hatte retten können.

Jetzt war es zu spät.

Die Menschen entfernte seine Äste, seine unzähligen Äste, die er über die Jahre mit seiner Lebensenergie hatte wachsen lassen. Nun war er nackt, beraubt seines grünen Kleides.

Sie luden ihn auf ihren Wagen und fuhren davon.

Übrig blieben nur ein Stumpf und seine Wurzeln. Ein Schwall unendlicher und unfassbarer Traurigkeit überflutete sie.

Was bleibt, ist die Leere. Der leere Platz im Wald. Die Leere in ihrem Herzen, aus dem die Menschen einen unglaublich riesigen Teil herausgerissen hatten mit ihrer brutalen Axt.

Leere und Traurigkeit.

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