.neun.

Die Sonne scheint, es regnet wie aus Eimern, und der gesamte Himmel ist schwarz. Eine junge Frau geht gemessenen Schrittes über die Straße. Sie biegt ab und geht gezielt auf ein kleines Häuschen in mitten von Wolkenkratzern zu. Das Haus ist sehr klein, es sieht älter, aber gemütlicher als die anderen umstehenden Hochhäuser aus. Die Frau trägt einen Sonnenhut, in beige. Ihr roter Mantel reicht knapp über die Knie und die blauen Pumps klacken bei jedem Schritt auf dem geteerten Gehweg.

Sie öffnet die Tür des Häuschens, über der in riesigen, viel zu groß für dieses kleine Haus anmutenden Lettern, „FUNDBÜRO“ steht.

Drinnen ist ein Schalter hinter dem ein kleines uraltes Männchen sitzt. Die Augenringe hängen tief, der Blick ist getrübt, die Haltung gebeugt, das Haar ergraut. Es trägt einen kleinen grauen Hut, der sein schütteres Haar bedeckt und ein Monokel unterstützt das sehschwache Auge.

Das Männchen sieht sehr gepflegt aus und trägt einen sauberen, gebügelten Anzug und eine ordentlich gebundene Krawatte. Der Schalter selbst ist bloß ein kleiner Tisch, vor dem eine Glasscheibe angebracht ist, die so sauber geputzt ist, dass sie unsichtbar scheint. Hinter dem Männchen, befindet sich ein Regal, in dem sich die absonderlichsten Dinge befinden, die verloren werden können.

Das Regal ist gigantisch, doch dieses Wort ist eine maßlose Untertreibung, für die Ausmaße dieses Möbelstücks. In seiner Breite sind es bloß ungefähr 4 Fächer und gerade so breit wie das Häuschen. Doch blickt man nach oben, so kann man selbst in tausend Metern Höhe noch nicht das Ende sehen, man kann überhaupt kein Ende sehen. Und doch ist das Häuschen von außen bloß so hoch, wie zwei aufeinandersitzende Nilpferde.

An der Wand neben dem Regal steht eine Leiter , die anscheinend dem Männchen dazu dienen soll, selbst die höchsten Fächer zu erreichen, die doch niemals die allerhöchsten sind.

Die Leiter selbst sieht alt aus, sie ist aus brüchigem Holz, einige Sprossen fehlen. Auch ihr Ende ist nicht auszumachen.

Die Frau tritt an den Schalter und betätigt die angelaufene Metallklingel. Sie gibt einen leisen, scheppernden pieps-Ton von sich, und das Männchen blickt sie starr an.

Männchen   Guten Tag die Dame. Ziehen Sie bitte eine Nummer.

Frau (mit zitternder Stimme) Gewiss, gewiss

 Sie zieht eine Nummer, obwohl sie die Einzige, in dem ganzen bizarren Raum ist. Die Nummer ist Siebenhundertdreiundfünfzigquadrillionenvierundsiebzigtrilliardendreihundertsiebenundneunzigtrillionenfünfundfünfzigbilliardenvierhundertelfbillionendreiundsiebzigmilliardenneunhundertneunundneunzigmillionenachthunderteinundzwanzigtausendsechsundertundeins.

Sie setzt sich auf den einzigen vorhanden Warteplatz und warte;, was auch sonst?

Einen unendlich kurzen Augenblick  nachdem sie sich gesetzt hat, räuspert ich das Männchen.

Männchen  Nummer Siebenhundertdreiundfünfzigquadrillionvierundsiebzigtrilliardendreihundertsiebndundneunzigtrillionenfünfundfünfzigbilliardenvierhundertelfbillionendreiundsiebzigmilliardenneunhundertneunundneunzigmillionenachthunderteinundzwanzigtausendsechsundertundeins bitte.

Es blickt wartend umher. Die Frau blickt erschrocken auf ihren Zettel und vergleicht die Nummer, sie springt auf.

Frau   Ich bin es!

Männchen  Ja, bitte, was möchten Sie denn?

Frau (mit bebender Stimme) Ich habe etwas verloren.

Männchen Ich denke, da kann ich Ihnen hier weiterhelfen. In dem Regal hinter mir befindet sich alles, was jemals verloren wurde, was gerade verloren wird, was irgendwann einmal verloren werden wird, was verloren werden könnte, und was nie verloren wurde und es auch nie wird. Aber was ist es, was Sie verloren haben?

Frau Ich weiß es nicht

Männchen (empört) Sie müssen doch wissen, was Sie verloren haben.

Frau Aber ich weiß es nicht. Das einzige, was ich weiß, ist, dass ich etwas verloren habe.

Männchen Na, das ist doch schon mal ein Anfang, dann werde ich es wohl hier haben. Seit wann haben sie es denn verloren?

Frau Seit ich denken kann, weiß ich, dass ich etwas verloren habe. Nichts anderes hat mich seit dem beschäftigt. Ich habe alles unternommen, um es zu finden, ich habe überall gesucht, sogar unter dem Bett.

Männchen Ich glaube, dann weiß ich was es ist.

Frau(überrascht und erfreut) Ach ja?

Männchen  Ja, Seit ich dieses Fundbüro eröffnet habe,  damals am Anbeginn der Zeit selbst, liegt etwas in einem Fach, das ich nicht zuordnen und auch nicht katalogisieren konnte. Diese Etwas ist älter als das Fundbüro, älter als die Zeit selbst. und es ist das einzige, dass ich jemals nicht katalogisieren konnte. Genau das ist es, was sie verloren haben müssen.

Frau (aufgelöst und mit kaum hörbarer stimme) Können Sie es mir zeigen?

Männchen Aber gewiss, es ist ja schließlich ihres. Ich werde es sogleich holen

Es steht auf von seinem kleinen Höckerchen begibt sich nach rechts mit kaum wahrnehmbar langsamen Schritten zur Leiter, hebt sie mit einer bizarren Leichtigkeit an und stellt sie an das Regal. Langsam, aber mit sicheren Schritten steigt es die Leiter hinauf, bis die Frau es nicht mehr sehen kann dort oben wo Leiter, und Regal nur noch zu einem Punkt verschmelzen, dort scheint es angekommen zu sein, und steigt immer weiter. Eine dreiviertel Ewigkeit später steigt es wieder den ganzen Weg hinunter, es hält ein kleines Päckchen unter dem Arm, eingewickelt in braunem Packpapier und mit einer Paketschnur verschlossen. Es scheint sehr schwer, denn das Männchen muss sich sehr abmühen es zu halten, und sich gleichzeitig an der alten Leiter festzuhalten.

Unten angekommen, stellt es das Päckchen auf den Schalter. Die Frau mustert es mit einem Blick, der Alles von Todesangst bis ekstatischer Freude enthält, während das Männchen die Leiter wieder an ihren Platz stellt. Es setzt sich auf seinen Hocker vor das Päckchen.

Männchen(mit ruhiger, routinierter, aber förmlicher Stimme) Ich werde es nun öffnen.

Es nimmt eine Schere und schneidet die Paketschnur durch und öffnet vorsichtig das Packpapier. Als es es entfernt hat legt es es sorgfältig zusammen und beiseite.

Es blickt wieder die Frau an.

Männchen Ist es das?

Frau (mit einer auch für sie selbst unerwarteten Sicherheit) Ja.

Männchen (extrem beamtisch)Gut. Wenn Sie dann bitte noch diese Formulare ausfüllen, damit  auch alles seine Richtigkeit hat.

Es greift nach hinten und holt einen ungefähr pferdeschädelhohen Papierstapel, der aus abertausend verschiedenfarbigen Formularen besteht, nach vorne, öffnet die kleine Schiebetür im Glas seines Schalters und schiebt den Stapel hindurch.

Frau Aber natürlich.

Sie holt einen kleinen Bleistift aus ihrer Manteltasche hervor und beginnt mit dem Ausfüllen. Nach nicht glaubhaft kurzer Zeit ist sie fertig und gibt die Formulare zurück an das Männchen.

Mit zufriedenem Blick nimmt es sie entgegen, prüft jedes einzelne Blatt, nickt ab und zu, runzelt die Stirn, nickt auch dann aber doch, bis es durch ist.

Männchen Ja, alles korrekt. Hier sind Ihre Durchschläge.

Es reicht ihr einen  Stapel, der halb so groß ist wie der erste.

Männchen Und hier Ihre Fundsache.

Es schiebt es auch durch die kleine Glastür

Frau Haben Sie vielen Dank.

In diesem Moment ist das Unendlich hohe Regal nur noch fünf Fächer hoch, und auch die Leiter nur noch so groß, dass sie gerade zum unterobersten Fach reichte. Meter.

Männchen Gerne doch.

Die Frau verlässt das kleine Fundbüro, schließt die Tür hinter sich und überquert schnellen Schrittes die Straße, denn es regnet immer noch. Sie blickt noch einmal voller Angst zurück. Eine Angst, die sie sich nicht erklären kann, und die auch völlig unbegründet scheint. Sie sieht, wie das kleine Männchen das Fundbüro verlässt, die Tür hinter sich abschließt, und ein kleines Schild an die Türklinke hängt.

Mit größter Anstrengung, kann sie es gerade lesen.

„Geschlossen für immer. Alles wurde gefunden“

3 Gedanken zu “.neun.

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