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.einundzwanzig.

—Triggerwarnung—

Ich fahre. Immer weiter. Mit jedem Tritt ein bisschen weiter. Mein Weg ist weit, das Ziel ist nah, ich werde es nie erreichen. Doch ich fahre immer weiter.

Ich sehe ein Auto, es kommt von links. Ich fahre weiter. Es trifft mich. Es ist schnell, es ist hart. Ich fliege, ich sehe Blut, spüre Schmerz. Meine Knochen zerbersten, ich höre das Krachen. Ich lande. Die Straße ist nass und hart. Sie ist rot.

Ich fahre weiter. Immer weiter. Jeder Tritt ist eine Qual, und doch fahre ich weiter.

Ich sehe das Fahrradwegschild. Es fällt, seine scharfen Ränder schneiden meinen Kopf ab. Er fällt mit einem leisen Geräusch zu Boden, mein Körper fällt in sich zusammen.

Ich fahre weiter

Ich halte eine kleine Pistole in der Hand. Halte sie in meinen Mund, drücke ab und falle.

Ich fahre weiter.

An der nächsten Ampel hängt ein Strick. Ich lege die Schlaufe um meinen Hals und lasse mich fallen. Ich hänge, bis mein letzter Lebenshauch entweicht.

Es ist wieder grün, ich fahre weiter.

Ich greife mir an den Hals, drücke ihn zu. Immer fester. Ich halte meine Luftröhre in der Hand.

Ich fahre weiter.

Und wieder ist es rot. Ich halte an. Hinter mir ist ein Mann. Ich sehe ihn nicht, doch ich spüre ihn. Er zieht eine Waffe und schießt mir von hinten in den Kopf. Ich falle zusammen, wie eine Marionette, deren Fäden durchschnitten wurden.

Ich fahre weiter.

Ich sehe ein Dach. Ich stehe auf dem Dach und springe. Ich lande.

Ich fahre weiter. Ich bin bald da. Bald in der Wohnung, Doch ich werde nie ankommen.

Wieder ein Dach, wieder springe ich.

Und wieder fahre ich weiter.

Eine rote Ampel, diesmal halte ich nicht, ich fahre weiter, denn es kommt ein Auto. Ich werde hart getroffen. Ich spüre den Schmerz. Ich genieße ihn.

Es ist grün. Ich fahre weiter.

Nur noch wenige Meter, dann bin ich in meiner Wohnung,

Ich lasse mich auf die Knie fallen und fahre weiter.

Ich bin nun tatsächlich angekommen, doch nicht wirklich da.

Ich werde mein Ziel nie erreichen.

Mein Ziel ist das Glück, ist die Freude, ist die Liebe. Doch all das werde ich nie erreichen.

Mein Ziel ist frei zu sein. Frei von der Traurigkeit, frei von der nagenden Angst, frei von der bedrückenden Einsamkeit, bei jedem Atemzug meinen Brustkorb enger schnürt. Die in jeder Sekunde meines Lebens präsent ist.

Ich will frei sein, frei sein von der Sehnsucht nach dem Ende.

Doch alles und das einzige, das mir einfällt um dieses Ziel zu erreichen, ist immer wieder nur dieser eine Ausweg.

Aber ich darf diesen Weg nicht wählen. Ich habe es versprochen, habe es versprechen müssen.

Aber wie lange kann ich dieses Versprechen halten? Wie lange kann ich all das aushalten?

Wie lange kann ich es ertragen so zu leben? Wie lange kann ich es ertragen zu leben?

Jeder Atemzug, jeder Gedanke, jeder Schritt, jede Bewegung ist Leiden.

Mein größter Wunsch ist, mich ins Bett zu legen. Zu schlafen. Für immer. Nie wieder aufzuwachen. Ein Schlaf ohne Träume, ein Schlaf ohne Alpträume, ohne Angst, ohne Traurigkeit, ohne Einsamkeit. Ein freier Schlaf, ein endloser Schlaf.

Doch ich wache immer wieder auf. Jeden Tag wache ich auf. Jeden Tag quäle ich mich aufzustehen. In dieses Leben zu gehen.

Aber wieso kann ich nicht einfach gehen, wieso werde ich nicht gelassen?

Was fehlt ist alles. Was da ist, ist Einsamkeit. Nichts als Einsamkeit. Ich fühle mich immer einsam. Fremd in dieser Welt. Dies ist nicht meine Welt. Dies ist nicht mein Leben.

Wo ist meine Welt? Wo mein Leben? Wo ist die Freude?

Ich werde es nie erfahren.

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.zwanzig.

Sie war schockiert. Das, was sie sah, verschlug ihr alle Sinne. Es passierte alles wie in Zeitlupe. Die silberne, glatt polierte und geschärfte Axt flog und traf. Der Mensch, in dessen Händen der Griff lag, holte erneut aus, und dann der zweite, der dritte, der vierte Schlag. Sie spürte jeden Schlag mit unvorstellbarem Schmerz, als würde die Axt sie selbst treffen. Holz splitterte und wieder ein Schlag. Sie wollte schreien, sie wollte weg, sie wollte ihn retten, doch ihre Wurzeln hielten sie fest, wie grausame Arme.

Dann fiel er.  In seiner ganzen, mächtigen Länge fiel er. Er hatte die letzten 500 Jahre friedlich und glücklich an dieser Stelle gestanden und verweilt. Nie hatte er jemandem etwas getan, und doch wurde er jetzt von diesen grausamen Menschen umgebracht.

Wieso? Dieser Gedanke schrie in ihr voller Fassungslosigkeit und Verzweiflung. Er hatte doch nie jemandem etwas getan. Millionen großen und kleinen Lebewesen, war er über die Jahrhunderte ein liebevoller Wirt gewesen. Ja sogar Menschen hatten sich in seinem Schatten verliebt, geküsst. Deren Kinder waren auf seinen Ästen spaziert und hatten die wildesten Abenteuer erlebt. Er hatte hunderte und aberhunderte Samen verbreitet, aus denen wieder seine Kinder emporsprossen, und die er wohlwollend behütet und besorgt beobachtet hatte. Diese hatten wieder neue Sprösslinge bekommen und wieder und wieder, o war er Vater, Großvater, Urgroßvater, Ururgroßvater hunderter und tausender Kinder.

Und jetzt sollte er gestorben sein, durch diesen grausamen und  feigen Akt  menschlicher Brutalität?

Und das schlimmste für sie war, dass sie dazu verurteilt war, all das mit anzusehen, und sich nicht rühren konnte, ihn nicht hatte retten können.

Jetzt war es zu spät.

Die Menschen entfernte seine Äste, seine unzähligen Äste, die er über die Jahre mit seiner Lebensenergie hatte wachsen lassen. Nun war er nackt, beraubt seines grünen Kleides.

Sie luden ihn auf ihren Wagen und fuhren davon.

Übrig blieben nur ein Stumpf und seine Wurzeln. Ein Schwall unendlicher und unfassbarer Traurigkeit überflutete sie.

Was bleibt, ist die Leere. Der leere Platz im Wald. Die Leere in ihrem Herzen, aus dem die Menschen einen unglaublich riesigen Teil herausgerissen hatten mit ihrer brutalen Axt.

Leere und Traurigkeit.

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.neunzehn.

Bunte Gemüsesuppe

Rezept für 44 satte Personen, oder 3 hungrige

Zutaten :

1 Fertigtütensuppe
1 Schneemann
1 Helmut Kohl -Büste
1 kg extraexplosive Knallerbsen
10 kg Vanillepudding
1 Mülltüte

1. Die Fertigtütensuppe nach Anleitung zubereiten und essen. Denn wenn man satt ist, kann man sich besser aufs Kochen konzentrieren.

2. Den Kohl mit dem Hammer zerschlagen und leicht anschwitzen im Kochtopf.

3. Den Schneemann zugeben und schmelzen lassen, bis die Nasenwurzel gar ist.

4. Die Erbsen zugeben und schnell die Küche verlassen, es wird laut.

5. Aus Frust den Vanillepudding essen

6. Dann alles in die Mülltüte

7. Traurig und überfressen ins Bett legen.

Tipp: Am besten in einer fremden Küche zubereiten, denn sonst muss man anschließend die Küche renovieren.

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.siebzehn.

Ich werde euch jetzt ein Geheimnis verraten:

Bananen sind getarnte Giraffen.

Aber sagt es niemandem, denn sonst fliegt die Tarnung auf.

Woher ich das weiß?

Ich habe 27 Jahre lang in einer Kommune von Bananen in einer Bananenkiste gelebt, bis sie mich als einen der ihren annahmen. Ich habe die Sprache der Bananen erlernt. Und habe nun auch die Fähigkeit mich als Banane zu tarnen.

Ich habe mir das alles nur ausgedacht???

Stimmt.

Aber was macht das schon.

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.sechzehn.

Was wäre die Welt bloß ohne Grenzen?

Ohne Grenzen zwischen Staaten. Ohne Grenzen zwischen Geschlechtern. Ohne Grenzen zwischen Aussehen. Ohne Grenzen zwischen Spezien. Ohne Grenzen zwischen Lieben.

Sie wäre friedlicher. Sie wäre schöner.

Was wäre die Welt bloß ohne Staaten?

Ohne Herrscher. Ohne Untertanen. Ohne Hierarchien. Ohne Autoritäten. Ohne Macht. Ohne Unterdrückung. Ohne Zwang.

Sie wäre freier. Sie wäre besser.

Was wäre die Welt bloß ohne das Töten?

Ohne Kriege. Ohne Schlachthöfe. Ohne Soldaten. Ohne Armeen. Ohne Mord. Ohne Waffen.

Sie wäre lebendiger. Sie wäre angenehmer.

Aber all das wird doch nie aufhören!

Wenn wir nicht aufhören, dann wird es nie aufhören.

Wenn wir nicht aufhören zu töten.

Wenn wir nicht aufhören zu gehorchen.

Wenn wir nicht aufhören zu hassen.

Wenn wir nicht aufhören zu kategorisieren.

Wenn wir nicht aufhören zu folgen.

Also beenden wir es jetzt.

Jede*r beendet es ab sofort.

Denn all das ist nur real, wenn wir danach handeln.  All das gibt es nur, weil wir es tun, weil wir töten, weil wir hassen, weil wir folgen.

Es gibt keinen Krieg ohne Menschen. Es gibt keinen Staat ohne Menschen. Es gibt keinen Gott ohne Menschen. Es gibt keine Macht ohne Menschen. Es gibt keinen Mord ohne Menschen.

Wenn niemand einen Mord begeht, gibt es ihn nicht. Wenn niemand an Gott glaubt, gibt es ihn nicht. Wenn niemand dem Staat gehorcht, gibt es ihn nicht. Wenn niemand beim Krieg mitmacht, gibt es ihn nicht.

Also Los!